100 Jahre Straßenbahn-Betriebshof Niederschönhausen

Reinhard Demps von der Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit und Geschichte hat in den Berliner Verkehrsblättern 5/2001 einen Beitrag zur Geschichte des Betriebshofes veröffentlicht. Mit freundlicher Zustimmung geben wir Teile des Artikel hier wieder und ergänzen ihn – dort wo es erforderlich ist – um Neuerungen.

Betriebshof Niederschönhausen im Jahr 2005Zustand des Anbauflügels des Betriebshof Niederschönhausen im Sommer 2005.
© Foto: Alina Sickert

In den Jahren von 1896 bis 1902 elektrifizierte die Große Berliner Pferde-Eisenbahn Aktiengesellschaft (GBPfE) – ab 1898 Große Berliner Straßenbahn Aktiengesellschaft (GBS) – ihr Pferdebahnnetz mit Gleichstrom und Stromzuführung mit Kontaktstange aus einer Oberleitung. Im Zeitraum von 1898 bis 1902 wurden acht Straßenbahnhöfe ausschließlich für die Unterbringung von 1725 Wagen des elektrischen Betriebes errichtet.

Der Entwurf und die Ausführung der Bauwerke lag in den Händen der Bauabteilung der GBS. Leiter dieser Abteilung war der Oberingenieur Joseph Fischer-Dick, der 1898 schon 25 Jahre das Baugeschehen bestimmt hatte. Das Standardwerk über die Große Berliner Straßenbahn und ihre Nebenbahnen aus dem Jahre 1911 (S. 242) charakterisiert die Bauten wie folgt: Die Bei Einführung des elektrischen Betriebes neu erbauten Wagenhallen, Pfeilern und Trennungswänden zur Unterstützung der eisernen Dachkonstruktion ausgeführt. Besonderer Wert wurde auf reichliche Lichtzufuhr durch Oberlichtanlagen oder seitlich angeordnetet Fenster gelegt.

Die Betriebshöfe erhielten große Kapazitäten zum Abstellen und Behandeln von Straßenbahnwagen. Als Standorte wurden Flächen am Rande des Verkehrsgebietes der GBS in allen Himmelrichtungen gewählt. Das hängt sicherlich auch mit der Verfügbarkeit entsprechender Flächen zusammen, die möglicherweise preiswert zu haben waren. Die Fahrzeuge wurden vorwiegend in den Hallen abgestellt. Das ist durch die Holzkonstruktion der Fahrzeuge bedingt, die man nicht mehr als nötig im Freien abgestellt wissen wollte. Die Architektur der Hochbauten war einfach gehalten. Dekorationen an den Wänden sind sparsam verwendet worden. Im Gegensatz zu den Bahnhöfen des Pferdebahnbetriebes waren Einrichtungen wie Ställe, Futterböden, Pumpen für das Tränken der Pferde und Dunggruben nicht notwendig. Dafür sind Werkstätten errichtet worden, in denen – nach einem mit der Hauptwerkstatt in der Uferstraße abgestimmten Plan – notwendige Reparaturen vor Ort ausgeführt werden konnten.

Als einziger der genannten acht Betriebshöfe ist der als Bahnhof 3 bezeichnete Straßenbahn-Betriebshof Niederschönhausen nach 100 Jahren noch betriebsfähig. Seit dem 1. November 1999 wird der Hof jedoch nicht mehr durch Linienzüge planmäßig angefahren. Für besondere Betriebsvorkommnissesituationen wird der Bahnhof betriebsfähig gehalten. Ein Großteil der Fahrzeuge aus der Sammlung Historische Berliner Straßenbahnwagen der BVG, die durch den Denkmalpflege-Verein Nahverkehr Berlin e. V. (DVN) betreut werden, ist hier untergebracht. Neben gelegentlichen Ausstellungen werden die für einen Fahrbetrieb zugelassenen Fahrzeuge von hier aus auch eingesetzt.

Am 26. Mai 1901 wurde der Hof mit 19 Hallengleisen, einer Werkstatt und einem Verwaltungsgebäude in Betrieb genommen. Er bot Platz für 190 Fahrzeuge, deren Länge im Mittel 11 m betrug. Die Hallengleise erhielten ihr Oberlicht durch ein Sheddach. Mit dem genannten Datum wurde auch der elektrische Betrieb auf dem Gleisnetz der GBS in Pankow und Niederschönhausen endgültig eingeführt. Vorläufer der Verkehrsanbindung in Richtung Berlin war eine Pferdebahnlinie von Pankow, Kirche zum Schönhauser Tor in Berlin, die 1874 eröffnet wurde. Die Gemeinde Niederschönhausen baute 1892 eine Pferdebahnstrecke vom Friedensplatz (heute Ossietzkyplatz) nach Pankow, Kirche und überließ sie der GBPfE.

Im Jahre 1924 entwarf und entstand nach Entwürfen des Architekten Jean Krämer ein Anbau (Gleise 20 bis 27). Diese Halle erhält ihr Licht durch Dreigelenkbogenbinder, die den Raum groß und hell erscheinen lassen. Waren die Umfassungsmauern von 1901 aus Ziegeln gestaltet und ließen keinen Einblick auf das Gelände und sein Geschehen zu, wurde mit dem Anbau die Ummauerung zur Straße beseitigt. Ein Eisengitterwerk grenzt seitdem den Hof ab. Das gestattet einen Blick auf die Hallen und das Gleisvorfeld. Der Zierrat über den Hallentoren wurde entfernt. Im Anbau des Erweiterungsbaus wurden auch die Werkstätten untergebracht. Zu diesen zählten u. a. eine Schmiede, eine Sattlerei, eine Schlosserei und bis in die fünfziger Jahre auch eine Schuhmacherei, in der die schweren Winterstiefel für die Straßenbahnfahrer repariert wurden. Die Fahrer standen bei Wind und Wetter anfangs etwa 12 Stunden, später 8 bis 10 Stunden auf den ungeheizten Plattformen. Erst durch die Einführung der Verbundwagen Ende der zwanziger Jahre änderten sich die Arbeitsbedingungen. Die Fahrzeuge besaßen nun Fahrer-Sitzplätze innerhalb des beheizbaren Wagens.

In den Kampfhandlungen des Frühjahres 1945 wurden die Hallen und das Verwaltungsgebäude beschädigt. Die Hallen wurden erneuert. Der Dachboden des Verwaltungsgebäudes wurde nicht wieder vollständig aufgebaut. Zwischen dem Flachbau mit Räumen für das Personal und den Toiletten wurde in den fünfziger Jahren ein zweigeschossiger Bau eingefügt, der vorwiegend vom Betriebsarzt genutzt wurde. Ein 1920 auf einer Rasenfläche im Hallenvorfeld von den Kollegen des Hofes 3 errichtete Denkmal für die im Weltkrieg gefallenen Kollegen ist Anfang der 1970er Jahre entfernt worden.

Über die auf dem Hof Beschäftigten ist unter anderem bekannt, daß im Jahre 1932 rund 1000 Straßenbahner auf dem Hof tätig waren. Dazu zählte das gesamte Fahrpersonal (Fahrer und Schaffner) auf den dem Hof zugeteilten Linien, das Werkstattpersonal sowie die Verwaltung des Hofes für das Personal- und Kassenwesen. Nach Einführung der Fahrgastselbstabfertigung ab 1957 über die Zwischenschritte Z-Wagen (noch zwei Schaffner), ZZ-Wagen (noch ein Schaffner) und OS-Betrieb (Ohne Schaffner) ist von ehemals 4 Beschäftigten auf einem Dreiwagenzug (Fahrer und 3 Schaffner) nur noch der Fahrer auf einem Zug verblieben. Damit reduzierte sich der Personalbestand erheblich.

Aber nicht nur das Fahrpersonal wurde im Laufe der Jahre weniger, auch das Werkstättenpersonal wurde geringer. Einerseits sank der Unterhaltungsaufwand an den Fahrzeugen und andererseits wurden Arbeiten auf andere Betriebshöfe verlagert. In den letzten Monaten vor dem 1. November 1999 wurde von dem Betriebshof lediglich nur noch Linienzüge eingesetzt. Die Verwaltung erfolgte vom Betriebshof Weißensee aus.

Der Hof Niederschönhausen war unter anderem bekannt für den Einsatz von Verbundwagen, beispielsweise auf der Linie 199. Die Zuordnung von Linien auf die einzelnen Höfe erfolgte nach ihrer Lage im Liniennetz. Dabei wurden lange Linien von zwei Höfen beschickt. Das ist bei Fahrzeiten von 60 Minuten und mehr sinnvoll. Für die Zeit nach 1949, dem Jahr der Verwaltungstrennung, waren auf dem Hof Niederschön-hausen vor allem Linien nach Rosenthal, Niederschön-hausen und Buchholz stationiert. Bis 1953 fuhren noch die Linien 23 von und nach Rosenthal sowie 24 von und nach Buchholz über die Sektorengrenze am S-Bahnhof Wollankstraße. Dort erfolgte ein Schaffnerwechsel aufgrund der unterschiedlichen Währungen. Der Betriebshof ist Anfang der neunziger Jahre als Ensemble unter Denkmalschutz gestellt worden. Hierfür wurden durch die BVG erhebliche Kosten aufgewandt, um diesem Umstand zu genügen. Zur Geschichte des Hofes gehören aber noch weitere Baulichkeiten. Für Fahrer und Schaffner, die auch lange vor dem allgemeinen Arbeitsbeginn der Stadt bereits ihre Fahrzeuge vorbe-reiten mußten, machte es Sinn, in unmittelbarer Nähe des Hofes bezahlbare Wohnungen zu bekommen. Hinter dem Betriebshof Niederschönhausen  in der Schiller-straße sind durch die Heimstättengesellschaft der BVG Anfang der 1930er Jahre Wohnungen gebaut worden.

   Nördlich der Hallen wurde in den 1950er Jahren ein Kulturhaus von der BVG-Ost errichtet, das durch seine Größe eine Rolle im kulturellen und politischen Leben des Verkehrsbetriebes spielte. Auch öffentliche Filmveranstaltungen fanden hier statt. Das Haus ist inzwischen abgerissen und auf der Fläche ein Supermarkt errichtet worden. In unmittelbarer Nachbarschaft wurde auch ein Kinderwochenheim gebaut. Hier konnten die im Schichtbetrieb arbeitenden Frauen ihre Kinder für eine während der Woche zur Betreuung abgeben. Die Einrichtung gehört heute nicht mehr zur BVG.

Die Zukunft des Hofes ist offen. Die BVG benötigt ihn für den Linieneinsatz nicht mehr. Und für einen modernen Werkstattbetrieb ist der Hof wenig geeignet. Vor allem fehlt es an einer zweiseitigen Ein- und Ausfahrt. Das Rangieren von Fahrzeugen an einer Bundesstraße (B 96a) ist sehr hinderlich.

Quellen:

  • Die Große Berliner Straßenbahn und ihre Nebenbahnen, Berlin 1911
  • Münzinger, Siegfried: Die Betriebshöfe der Berliner Straßenbahnen,
    in Berliner Verkehrsblätter 1969, Seite 89 bis 103
  • Berlin und seine Bauten, Teil X, Band B Anlagen und Bauten für den Verkehr (1) Städtischer Nahverkehr,
    Verlag von Wilhelm Ernst & Sohn, Berlin, München Düsseldorf 1979